Meike Fischer @ 2009-09

Andrej Krementschouk, No Direction Home

Andrej Krementschouk, No Direction Home

Andrej Krementschouk, No Direction Home

Manche Fotobücher ziehen einen beim ersten Durchblättern schon unwiderstehlich in ihren Bann, und so erging es mir mit »No Direction Home« von Andrej Krementschouk, der auf fotografische Spurensuche ging in seiner russischen Heimat, die er schon lange verlassen hat.

Dabei enstand eine wunderschöne Geschichte, eine fotografische Auseinandersetzung mit dem Thema Heimat, mit Kindheitserinnerungen, Abschied und der Entfremdung von den eigenen Wurzeln.

Krementschouk kehrt zurück in eine Welt, die seine Heimat war, in der er seine Kindheit verbrachte, mit der er immer verbunden bleiben wird, auch wenn er sich längt weit von dieser Welt entfernt hat. Eine Welt, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, wir sehen eine verträumt-romantische Landschaft mit Pferdefuhrwerk, wir treten ein in die ärmlichen Behausungen der Menschen, erahnen ihren Alltag, begleiten sie zu Beerdingungen. In Russland ist ein hartes entbehrungsreiches Landleben auch heute noch Normalität.

Die Bilder zeigen uns den Blick eines Fotografen, der sein Sujet kennt und keine kulturellen Differenzen überwinden muss, sondern der tiefes Verständnis für diejenigen hat, die er fotografiert. Bei der Rückkehr in seine alte Heimat steigen in ihm längst vergessene Bilder wieder auf: »Ich muss über diesen bescheidenen Ort, den keiner kennt, etwas erzählen, was mich betrifft… Mein Haus. Ich bin 5 Jahre alt. Mein Opa, meine Oma und ich gehen einen Waldweg zu unserem Dorf entlang. Es ist heiß. Auf einer Waldwiese am Fluss legt meine Oma eine Zeitung aus: gekochte Eier, Salz, leicht gesalzene Gurken und Libellen in der flirrenden Luft.«

Diese inneren Bilder hat Andrej Krementschouk eingefangen auf seiner Reise, sie sorgfältig editiert und in »No Direction Home« zu einer komplexen Erzählung verdichtet. Beim Betrachten dieser intensiven Fotoarbeit stellt man sich selbst unwillkürlich die Frage nach Heimat und Verwurzelung. Erinnert sich an Bilder und Gerüche aus der eigenen Kindheit, auch wenn sie natürlich ganz anders war.

Doppelseite aus No Direction Home

Doppelseite aus No Direction Home

Eindringlich sind die Szenen, die Andrej Krementschouk in seinem wunderbaren Buch festhält, und er ist unglaublich nah dran an den Menschen, die ihm begegnen. Sein Blick ist stets liebevoll, ohne dabei zu verklären. Eines der schönsten und vor allem berührendsten Fotobücher des Jahres.

Homepage von Andrej Kremntschouk

Andrej Krementschouk, No Direction Home
Kehrer Verlag, 2009
ISBN 978-3-86828-056-2
40 Euro

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